Möglichkeiten

FSJ Kultur 2015/2016, Jugendzentrum Geschwister-Scholl-Haus in Berlin

„Ich fand es schwierig die Bewerbung zu schreiben“, sagt Raphael. „Die Einsatzstelle soll ja ein Bild von dir bekommen. Wenn man aber alles aufschreibt und da steht Rollstuhl, dann sagen alle gleich: Rollstuhl geht nicht.“  

Er fügt hinzu: „Ein realistisches Bild gibt es nur, wenn ein persönlicher Kontakt da ist.“ Denn bei Begegnungen stehe im Vordergrund, was möglich ist und es entstünden keine Phantasien darüber, was alles nicht möglich ist. Nach der Bewerbung bekam Raphael ein Bewerbungsgespräch bei Tamara Müller, der Leiterin des Jugendzentrums Geschwister-Scholl-Haus in Berlin-Spandau. Und wenig später, als Raphael schon wieder im Schwarzwald war, gab es morgens einen Anruf und eine Zusage aus Berlin. Raphael ist während seines Freiwilligendienstes schon dreimal innerhalb Berlins umgezogen, aber die Einsatzstelle hat er nicht gewechselt. Der Garten des Jugendzentrums ist voll mit riesigen Fliederbüschen. „Wir sind ein Rahmen für Kinder und Jugendliche von 6 bis 27 Jahren“, sagt Raphael. Er selbst kocht meistens mit ihnen oder arbeitet mit Holz. Und Zuhören und Reden ist wichtig.

Was er besonders an diesem Ort mag, ist die Offenheit. „Ich habe mich gleich willkommen gefühlt“, meint Raphael. Das liegt auch an Tamara Müller. Für sie ist der Freiwillige ein Mensch, der ihr etwas gibt: „Denn er unterstützt uns. Und er gibt uns die Möglichkeit, dass er sich entwickeln kann. In dem Rahmen, den wir ihm geben. Ich stell doch keine Arbeitskraft ein, sondern einen jungen Menschen, der sich orientiert.“

In der Bewerbung für das FSJ Kultur hatte er damals geschrieben, dass er eine Behinderung habe. Aber auch, dass er den Rollstuhl nicht permanent benutzt, ihn aber im Alltag benötigt. Was aber bedeutet diese Aussage, wenn der Mensch dazu unbekannt ist? Mittlerweile erzählt er, egal wohin er geht, vorher nichts über seine Behinderung. Damit stößt er Leute vor den Kopf, dessen ist er sich bewusst, aber wenn die Menschen sich vor einem Treffen viele Gedanken machten, würden sie nur die Bilder von Behinderung und ihre Ängste reproduzieren. „Es ist der radikalere Weg, aber er hat meistens gut funktioniert“, sagt er und grinst.

Dann wird er wieder ernst: „Na klar, es gehört zu mir, es ist auch ein Teil von mir. Das habe ich auch akzeptiert, aber ich möchte als Mensch mit meinen Fähigkeiten wahrgenommen werden.“

 Foto: Jonathan Christian

Foto: Jonathan Christian